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Das Baufeld für das Überwerfungsbauwerk für die S-Bahnen. Die Bodenseestraßen wird fast gleichzeitig ein Stück nach Süden verlegt.

Westkreuz 2.0 - vom Nadelöhr zur Überholspur

Am Westkreuz entsteht ein zentrales Puzzleteil für die Zukunft der S-Bahn: Durch ein sogenanntes Überwerfungsbauwerk werden die Linien S5, S6 und S8 künftig kreuzungsfrei geführt. Das Ziel: mehr Pünktlichkeit, höhere Kapazität und die Grundlage für dichtere Takte mit der zweiten Stammstrecke. Doch der Weg dorthin ist anspruchsvoll – mit wenig Platz, Bauarbeiten im laufenden Betrieb und unvermeidbaren Sperrungen. Die Bodenseestraße wird im Zuge dieser Maßnahme saniert und begradigt.

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Am Westkreuz stadtauswärts entsteht in den nächsten eineinhalb Jahren ein sogenanntes Überwerfungsbauwerk – eine Konstruktion, die man sich wie eine mehrstöckige Kreuzung vorstellen kann, nur eben für Züge. Ganz oben wird künftig die Gautinger Linie geführt,darunter die Herrschinger Linie mit rund sechs Meter Höhenunterschied. Die Regionalbahnen bleiben auf gleichem Niveau.

Moderne Kreuzung für die S-Bahnen

Der Effekt ist ebenso simpel wie wirkungsvoll: Die Linien S5, S6 und S8 werden künftig nicht mehr auf gleicher Ebene kreuzen. Stattdessen verlaufen sie übereinander – ohne sich gegenseitig auszubremsen. Was bislang ein Staupunkt war, wird damit zur Überholspur im Netz, und insgesamt kann schneller gefahren werden.

Dass genau hier angesetzt wird, hat einen klaren Grund. „Die S-Bahn muss pünktlicher werden. Besonders die Linien schneiden in der Statistik schlecht ab“, sagt Ministerialdirigent Alexander Bonfig. „Das liegt auch an dieser Kreuzung hier. Hier schaukelt sich das System auf. Daran wollen wir ansetzen.“ Das Westkreuz ist also mehr als nur ein Bauprojekt – es ist ein Hebelpunkt im gesamten Netz.

Zweite Stammstrecke kann kommen

Doch das Projekt soll noch mehr. Neben der Entzerrung des Verkehrs wird die bestehende Infrastruktur umfassend saniert. Gleichzeitig schafft die Maßnahme die Grundlage für den künftigen 15-Minuten-Takt und Express-S-Bahnen im Zuge der zweiten Stammstrecke.

Seit Januar wurde das Baufeld bereits vorbereitet – mit erheblichem Aufwand. „Wir mussten uns mit 170 Grundstückseignern einig werden und haben mit allen eine einvernehmliche Lösung gefunden“, erklärt Kai Kruschinski-Wüst, Gesamtprojektleiter. Auch ökologische Aspekte spielten eine Rolle: Lebensräume von 37 Vogelarten, Fledermäusen und insgesamt 323 gezählten Zauneidechsen wurden berücksichtigt.

Bahn will bis Ende 2027 fertig sein

Was heute noch wie eine Wüstenlandschaft wirkt, ist in Wahrheit die Bühne für ein hochkomplexes Infrastrukturprojekt. Und eines, das Geduld verlangt – auch von den Fahrgästen. Denn bereits ab Juni kommt es zu Sperrungen. „Wir planen Sperrungen langfristig“, sagt Bahn-Projektabschnittsleiter Frank Schlecht. Für Pendler bedeutet das vor allem eines: mehr Zeit einplanen, Wege neu denken, Alternativen prüfen. Es ist eine Phase des Übergangs – unbequem, aber notwendig.

Bis Ende 2027 sollen das Überwerfungsbauwerk, neue Gleise und Weichen sowie sanierte Brücken fertiggestellt sein.

Bodenseestraße zieht mit

Parallel dazu nutzt die Stadt die Gelegenheit für eigene Verbesserungen: Die darunterliegende Bodenseestraße wird erneuert, Radwege verbreitert und der Verlauf optimiert. „Wir verschwenken die Straße, damit ist keine Sperrung notwendig“, erklärt Stefanos Sofias vom Baureferat. „Die alte Straße bleibt so lange in Betrieb, bis wir die neue freigeben können.“ Das soll geplant Ende 2029 sein.

Am Ende werden drei neue Brücken das Bild prägen: zwei über Gleise, eine über die Straße. „Rund sechs Meter Unterschied wird es später geben“, so Schlecht – zwischen der künftig höher geführten Linien und den darunterliegenden Gleisen. Die Regionalbahnen bleiben auf ihrem bisherigen Niveau. Über zehn Jahre Planung stecken bereits in dem Projekt. „Das Bauen selbst ist dagegen fast ein kleiner Schritt. Ich freue mich schon sehr darauf“, sagt Schlecht. Die Kosten: rund 110 Millionen Euro – eine Investition in ein System, das künftig stabiler und leistungsfähiger funktionieren soll.