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Wenn die Schwerkraft Pause macht

Viel Zirkus und ganz große Kunst! Was passiert, wenn Akrobatik auf Tanz trifft, Körper scheinbar schwerelos werden und aus einzelnen Kunststücken ein großes Ganzes entsteht? In der Pasinger Fabrik wird daraus ein faszinierendes Bühnenvergnügen. Mit „Fragmente“ startet das ZirkusLAB ab 6. November in die zweite Runde – noch tänzerischer, poetischer und voller artistischer Überraschungen.

[US]

Ein bisschen verrückt muss man schon sein, um etwas völlig Neues zu wagen. Zum Glück mangelt es der Pasinger Fabrik weder an Mut noch an Experimentierfreude. Im vergangenen November verwandelte sie ihre Wagenhalle kurzerhand in eine Manege für zeitgenössischen Zirkus. Ohne Sägespäne, Löwen oder Zylinder, dafür mit Akrobatik, Tanz, überraschenden Kunststücken und reichlich Gänsehautmomenten.

„Reflection“ hieß das erste Programm des frisch gegründeten ZirkusLABs, das die Fabrik gemeinsam mit Werner Buss, dem langjährigen Leiter des GOP Varieté-Theaters, aus der Taufe hob. Ein kreatives Labor sollte es werden, ein Ort zum Ausprobieren, Staunen und Zusammenbringen. Junge Talente, lokale Künstler und internationale Artisten zeigten, was moderner Zirkus alles kann. Die einzelnen Darbietungen verbanden sich wie Puzzleteile zu einer großen, fließenden Choreografie.

Und das Publikum? War hin und weg. Elf Vorstellungen, großer Andrang. Manchmal mussten sogar zusätzliche Stühle aufgetrieben werden. Ein schöneres Kompliment kann man einer neuen Idee wohl kaum machen.

👇 Werner Buss, Carmen Bayer, Julia S. Ladner und Karin Paulsburg (v..r.) präsentierten das neue ZirkusLab. 👇

Nach dem Zirkus ist vor dem Zirkus

Also: Vorhang auf für Runde zwei! Am 6. November feiert „Fragmente“ Premiere. Und schon der Titel verrät, dass hier nicht alles brav an seinem Platz bleiben muss. Im Gegenteil. Das Unvollständige, das Unfertige, das Dazwischen stehen im Mittelpunkt. Einzelne Bewegungen, Geschichten und artistische Momente treffen aufeinander, reiben sich, ergänzen sich und wachsen schließlich zu einem großen Ganzen. Diesmal bekommt der Tanz besonders viel Raum. Poetisch soll es werden, kraftvoll und emotional. Und natürlich spektakulär. Denn wo andere Menschen schon beim Gedanken an einen Handstand weiche Knie bekommen, fängt bei diesen Künstlern der Spaß erst an.

„Wir hatten auf unsere erste Zirkusproduktion eine bewegende Resonanz und wirklich außergewöhnliche Nachfrage“, erzählt Carmen Bayer von der Pasinger Fabrik. Eine Fortsetzung war deshalb nicht nur naheliegend, sondern Herzensangelegenheit. „Unser Zirkusprojekt erfüllt alles, was wir uns als Fabrik wünschen.“ Es bringt Generationen zusammen, gibt lokalen Talenten eine Bühne und hat den Mut, künstlerisch neue Wege zu gehen.

Hier verbiegen sich nicht nur die Perspektiven

Für die Neuauflage hat Werner Buss wieder ein Ensemble versammelt, das sich sehen lassen kann. Regie führt Julia S. Ladner, die gemeinsam mit Karin Paulsburg auch für die Choreografie verantwortlich ist. Beide gehören zu den Münchner Stonebite Studios, wo Tanz und Akrobatik ohnehin gerne gemeinsame Sache machen. Mit Doris Teichmann, Anna-Maria Sinnwell und Peke Vana ist weitere geballte Luftartistik an Bord. Da werden Tücher zur Bühne, die Luft zum Spielraum und die Grenzen der Körperbeherrschung auf erstaunliche Weise verschoben.

Daniela Maier, alias Danissima, erweitert das Spektrum um Flying Pole und Handstandartistik. Niko Chatzoglou wiederum beherrscht die Kunst der Kontorsion, also jene faszinierende Form der Körperakrobatik, bei der man sich als Zuschauer unwillkürlich fragt, ob da wirklich noch alle Knochen an ihrem vorgesehenen Platz sitzen. Er ist übrigens auch das Gesicht des diesjährigen Veranstaltungsplakats.

Für weitere Bewegung sorgen der italienische Künstler Simone Bredice mit seiner Mischung aus Tanz, Akrobatik und Cyr-Wheel, einem großen Metallreifen, in dem sich der Artist dreht und bewegt, sowie der peruanische Breakdancer Gohan, der dem Ganzen zusätzliche Dynamik verleiht. Ein kleines Ensemble mit großer Bandbreite. Und gerade darin liegt der Reiz: Jeder bringt seine ganz eigene Kunst mit. Zusammen entsteht etwas, das weit mehr ist als die Summe einzelner Kunststücke.

Große Kunst, kurze Wege und ganz viel Nähe

75 Minuten dauert der neue Zirkusrausch. Ohne Pause, versteht sich. Schließlich will man die Magie nicht gerade dann unterbrechen, wenn sie Fahrt aufgenommen hat. Doch für Werner Buss endet das Erlebnis keineswegs mit dem Schlussapplaus. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm der Austausch mit den Zuschauern nach den Vorstellungen. „Der Nachhall war intensiv. Dieser Kontakt mit dem Publikum fehlt so oft. Hier ist er möglich“, schwärmt er.

Tatsächlich hat die Wagenhalle einen entscheidenden Vorteil gegenüber den großen Showtempeln: Hier sitzt niemand kilometerweit vom Geschehen entfernt. Man erlebt die Körperkunst aus nächster Nähe, spürt die Spannung und begegnet den Artisten später vielleicht noch im Foyer. Das hat etwas Familiäres, Unmittelbares und ausgesprochen Charmantes. Ob der Ansturm diesmal wieder so groß wird? Die Chancen stehen gut. Immerhin hat die Pasinger Fabrik vorgesorgt und deutlich mehr Vorstellungen eingeplant. Und so darf man sich auf einen November freuen, in dem in Pasing wieder die Welt auf dem Kopf steht. Ganz ohne Zirkuszelt, aber mit reichlich Zirkuszauber.

Gut zu wissen: „Fragmente“ läuft vom 6. bis 22. November 2026 in der Wagenhalle der Pasinger Fabrik. An Samstagen und Sonntagen gibt es Nachmittags- und Abendvorstellungen beziehungsweise ausgewählte Nachmittagstermine. Der Eintritt kostet 34 Euro, ermäßigt 30 Euro, Kinder bis 14 Jahre zahlen 12 Euro. Empfohlen ist die Vorstellung ab sechs Jahren. Alle Termine, Informationen und Tickets unter www.pasinger-fabrik.de.