Man meint ja, im August passiert politisch nicht besonders viel. Urlaub, Sonne, Reisen, Dolce Farniente. Und tatsächlich sind viele Menschen gerade eher mit Kofferpacken als mit Kommunalpolitik beschäftigt. Trotzdem gibt es einen kleinen Meilenstein: Die ersten 100 Tage im neuen Amt sind für die neu gewählten Lokalpolitiker geschafft. Eine gute Gelegenheit also, einmal nachzufragen, wie sich so ein politischer Perspektivwechsel eigentlich anfühlt.
Stellvertretend für die vielen Engagierten im Münchner Westen werfen wir deshalb einen Blick auf die ersten 100 Tage von Sebastian Kriesel. Bei ihm zählen sie quasi doppelt: Er ist seit 1. Mai bereits zum dritten Mal BA-Vorsitzender und gleichzeitig Stadtrats-Neuling.
👇 Sebastian Kriesek im Mai als frischgebackener Stadtrat, Foto: privat 👇

„Es macht sehr viel Spaß“, sagt er über die neue Doppelbelastung. „Ich kann mich weiterhin für meine Aubinger Heimat einsetzen und gleich noch für ganz München. Das ist wahnsinnig spannend.“ Der Perspektivwechsel zeigt vor allem eines: Die Probleme im Münchner Westen sind längst keine rein westmünchnerischen Themen. Nachverdichtung, fehlende Infrastruktur, Verkehr – damit kämpfen auch andere Stadtbezirke. „Synergien sind da. Damit werden die Herausforderungen nicht leichter, aber der Austausch hilft beim Lösungen finden.“ Kriesel ist seit 2002 im Bezirksausschuss, seit 2014 dessen Vorsitzender. Was lehrt einen eine so lange Zeit in der Lokalpolitik? Sein Studium der Verwaltungswissenschaft sei dabei durchaus hilfreich, sagt er. Man lerne, dass Dinge ihre Abläufe haben. Und dass manche davon eben Zeit brauchen. Sein Rezept deshalb: „Die Probleme immer wieder ansprechen, Finger drauf, nicht resignieren.“
👇 Foto aus vergangenen Zeiten vom Stadtteilfest am Westkreuz 2015, Sebastian Kriesel als junger BA-Vorsitzender, Foto: Martina Krämer 👇

Das klingt zunächst ziemlich nüchtern. In Aubing lässt sich dieses Rezept allerdings ziemlich gut besichtigen: am Bahnhof. Die steilen Treppen, keine Rampe für Rollstuhlfahrer, Kinderwägen & Co und das uninspirierende Bahnhofsumfeld sorgen seit Jahrzehnten für Kritik. Eine schnelle Lösung ist trotzdem nicht in Sicht. Für Kriesel ist das Thema ganz persönlich. „Den Aubinger Bahnhof nutze ich auch seit meiner Kindheit, da ich schon immer hier in Aubing lebe. Der schreckliche Zustand, die fehlende Barrierefreiheit, die nicht ansprechende und sichere Gestaltung des Bahnhofsvorplatzes Georg-Böhmer-Straße – das sind alles Mängel, die ich bisher nicht beheben konnte. Aber da bleibe ich weiter dran.“
Mit dem Sprung in den Stadtrat könnte das Aubinger Bahnhofsproblem eigentlich auch aus dem Blick geraten. Aus gesamtmünchnerischer Sicht ist der Bahnhof ein kleiner Punkt. Doch genau der Perspektivwechsel zeigt: Viele Probleme machen nicht an der Stadtbezirksgrenze Halt. Was kann ein Bezirksausschuss eigentlich überhaupt selbst bewegen? Die häufige Kritik, dass die BAs zu wenig Entscheidungsfreiheit haben, um ihre speziellen Projekte voranzubringen, ist oft zu hören. Kriesel teilt sie nur halb. „Mit dem BA-Budget von jährlich 140.000 Euro haben wir viel in der Hand, um Gestaltungsfreiheit durchzusetzen.“
Und was ist das Schwierigste an den neuen Tätigkeiten? Die ganz große politische Erkenntnis ist es jedenfalls nicht. Sondern ganz banal: es ist der Kalender. „Das Jonglieren mit den Terminen, das habe ich mir tatsächlich leichter vorgestellt.“ Man kann schließlich nicht gleichzeitig an zwei Orten sein. Und seit dem Einzug in den Stadtrat sind es eben sehr viel mehr Termine geworden. „Ich kann leider nicht mehr alle wahrnehmen. Das empfinde ich als sehr schade. Und da bitte ich auch um Verständnis, wenn ich Einladungen ausschlagen muss.“
Die Herausforderung nimmt er trotzdem gerne an. Nach 100 Tagen klingt das bei Sebastian Kriesel weniger nach „neues Amt, neue Welt“ als nach einer ziemlich pragmatischen Erkenntnis: München ist groß, Aubing bleibt wichtig – und beides muss irgendwie in denselben Kalender passen. Und der Aubinger Bahnhof? Der bleibt auf der Liste.