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Die Baugrenze verläuft derzeit an der Aubinger Allee. Von hier aus bis zur Autobahn soll der Freihamer Abschnitt II gebaut werden.

Freiham-Dilemma

Der neue Stadtteil Freiham am westlichen Rand von München wächst und wächst und wächst. Das derzeit europaweit größte Bauprojekt im 22. Stadtbezirk wird wahrscheinlich einmal nahezu 40.000 Bewohner umfassen. Die Stadt selbst geht von 25.000 bis 30.000 neuen Freihamern aus. In der letzten BA-Sitzung stellte sie das nächste Mega-Baugebiet vor.

MK

Die laufenden Freiham-Planungen und deren Umsetzung sind heftig umstritten. Vertreter der städtischen Verwaltung loben wortgewandt und euphorisch die einzelnen Entwurfsplanungen für das neue Stadtquartier. Doch diese lösen schon lange bei Stadtteilpolitikern und der Bevölkerung großen Unmut aus. Das war auch in der vergangenen Woche in der Sitzung des Bürgergremiums so.

## Ausmaße? Riesig. Baubeginn? 2028.

An diesem Abend stellten Vertreter des Planungs-, Mobilitäts- und Sozialreferates in eineinhalb Stunden den Beschlussentwurf Freiham Nord zum 1. Bauabschnitt des 2. Realisierungsabschnittes (RA) vor. Die zweiteilige Gesamtrahmenplanung umfasst eine 56 Hektar große Fläche mit 6.600 Wohneinheiten für 16.000 Menschen.

Sie erstreckt sich östlich des zukünftigen Landschaftsparks an der Hauptachse der Aubinger Allee. Im 1. Bauabschnitt werden 3.000 Wohnungen, davon 1.500 im geförderten Wohnungsbau, entstehen. Baubeginn für die vier- bis achtgeschossigen Häuserblöcke ist für 2028 geplant.

## Viel Kritik zur Planung

Die Vertreter der verschiedenen Referate hatten es in der anschließenden Diskussion mit den Sprechern der einzelnen BA-Fraktionen nicht leicht. Der BA kritisierte heftig und verfasste eine Stellungnahme. Das Ergebnis dieser vielseitigen Antwort lässt deutlich erkennen, wie zeitintensiv sich das Gremium mit den städtischen Planungen um die neue Kleinstadt auseinandergesetzt hat. Allein dafür gebührt dem BA ein großes Lob.

Links das erste Freiham-Viertel, rechts soll das zweite gebaut werden.

## Bebauung ohne Lebensqualität

Besonders die Themenbereiche, wie Verkehr, Mobilität und Klima, aber vor allem die bis heute immer wieder angeprangerte fehlende Infrastruktur standen im Mittelpunkt der Kritik am Fachkonzept.

„Die Beschlussvorlage weist insbesondere in der Zeitplanung zur Erstellung der notwendigen Infrastruktur erhebliche Widersprüche auf. Vor allem betrifft dies den Ausbau der Verkehrsmittel und von sozialen Einrichtungen“, ist zu lesen. Vielen fehlte es an Lebens-, Wohn- und Freizeitqualitäten für die zukünftig 16.000 Neubürger. Roland Jung vom BA fasste die Kritik so zusammen: „Von vorne bis hinten fehlt es an Lebensqualität.“ Es finde sich gerade mal ein Nahversorger und äußerst wenig Gewerbe.“

## Wo bleibt die U-Bahn? Was passiert an der S-Bahn?

Nachfolgend einige Kritikpunkte: Mit der Fertigstellung der U-Bahn bis Freiham rechnet die Stadt zwischen 2025 und 2040. Jedoch liegen bis heute keine klaren Zusagen zur Finanzierung der U-Bahn vor. Trotzdem ist die Verlängerung ein wesentlicher Aspekt in dem Rahmenplanungsprozess.

Eine klare Ansage an das zuständige Mobilitätsreferat kam dazu vom BA-Vorsitzenden, Sebastian Kriesel: „Ohne eine ausreichende Finanzierungsgrundlage kann auch kein Fertigstellungstermin genannt werden. Und damit sind auch die Planungsvoraussetzungen nicht gegeben. Die Realisierung des 2. RA kann nur zeitgleich mit der Fertigstellung der U-Bahn erfolgen“, meinte er.

Die Stadt gehe dennoch von der Verlängerung der U-Bahn nach Freiham in den nächsten Jahren aus, so die Antwort von Maria Graf vom Planungsreferat. Nur zum Vergleich der Fakten: wenn alles gut läuft, könnte die U5 in zehn Jahren nach Pasing rollen. Zahlen für die Verlängerung nach Freiham gibt es noch nicht.

Das Gleiche gilt für den S-Bahnbetrieb. Für den mehrgleisigen Ausbau der S4 gibt es bis heute keine Finanzierungszusagen. Der Ausbau der S4-West ist bis heute nicht erfolgt. Die S8 ist bereits jetzt überlastet und kann nicht als Grundlage für ein weiterführendes Mobilitätskonzept herangezogen werden, so der BA.

## Halber Parkplatz pro Wohnung

Große Sorgen bereitet dem BA die bereits jetzt im 1. RA eingetretene Stellplatzmisere. Jetzt schon gibt es zu viel Verkehr, zu viele Autos, aber keine Stellplätze. Doch die Planungen für den neuen Abschnitt werden nicht besser. Der Entwurf sieht gerade mal einen halben Stellplatz pro Wohnung vor. Mindestens die Hälfte der nachweispflichtigen Parkplätze soll in sogenannten Mobilitätshäusern und Mobilitätsregalen untergebracht werden.

Vorgesehen sind in sogenannten Querstraßen „wohnortnahe Parkplätze für mobilitätseingeschränkte Bewohner, Anfahrts- und Ladezonen, Kurzzeitstellplätze und Sharing-Stellplätze mit einem Schlüssel für ca. einen Stellplatz je 40 Wohneinheiten“. Dazu kommen noch 290 Fahrradabstellplätze im Bereich von Parkbuchten.

## Wegen Grundwasser weniger Tiefgaragen

Der BA weist darauf hin, dass der vorgegebene Stellplatzschlüssel ein funktionierendes Nahverkehrsangebot voraussetzt muss. Doch das wird nicht so schnell vorliegen (siehe oben). Unter den Wohngebäuden soll deshalb die Möglichkeit einer Unterbauung für Tiefgaragen geprüft werden. Denn eine verbesserte Fahrradstruktur wird die Parkplatznot für Fahrzeuge nicht lösen können.

Diesen Punkt winkte Graf vom Planungsreferat gleich in ihrer Antwort ab und verwies auf das bestehende Grundwasser. Zudem würden Tiefgaragen zulasten der Baumbepflanzung gehen.

Zusätzliche Fahrradabstellplätze werden in den Untergeschossen der Wohnblöcke gefordert. BA drängte daraufhin auf die Zusage für 20.000 Abstellmöglichkeiten für Fahrräder.

Aus Sicht des BA ist für die Parkplätze ein Parkraummanagement erforderlich. Auch hier fehlt es an Angaben, welche Kosten auf die Anwohner zukommen werden.

Jetzt noch freies Feld, später bebaut mit 6.600 Wohneinheiten für 16.000 Menschen.

## Was ist mit dem Landschaftspark? Oder einem Expressbus?

Die im 2. RA notwendigen Flächen zur Fortführung des Landschaftsparks befinden sich, so die Stadt, noch nicht in deren Eigentum. Ein erster Teil des Parks soll aber schon Ende 2027 fertiggestellt sein. Dies halten die örtlichen Parteienvertreter für sehr unwahrscheinlich. Wegen des enormen Einwohnerzuwachses macht für sie zudem eine abschnittsweise Fertigstellung keinen Sinn. Unter dem Aspekt, dass schon heute die umliegenden Naherholungsbereiche überlastet sind, fordern sie eine zeitnahe Fertigstellung des gesamten Parks.

Der Einsatz einer Expressbuslinie bis zur Fertigstellung der U-Bahnverbindung über die A96 bis zur Ausfahrt an der Fürstenrieder Straße wurde von der MVG eine Absage erteilt. Sie verweist auf das „schnelle, schienengebundene und kapazitätsstarke S-Bahn-Angebot in Richtung Innenstadt“.

## Klares Fazit des BA

„Gut, dass die Planungen nun vorliegen“, meinte BA-Vorsitzender Kriesel. „Ist das aber der richtige Weg?“ In seinen Augen stimme die Planung schwerlich mit der Realität überein. Besonders in Hinblick auf die Lebensqualität müsse dringend nachgebessert werden. Die Probleme, die sich schon im ersten Bauabschnitt gezeigt haben, seien scheinbar nicht aufgearbeitet worden. „Bitte nachbessern!“

Die Anhörung und Stellungnahme des BA sollen nun in den Satzungsbeschluss der Stadt eingearbeitet werden, bevor der Gesamtentwurf dem Stadtrat zur Entscheidung vorgelegt wird. Dies soll im Laufe des nächsten Jahres erfolgen. Anfang 2026 soll der Bebauungsplan in Kraft treten und die Vergabeprozesse beginnen. Zwei Jahre später soll Baubeginn sein.

Forderung des BA: Nicht nur Wohnungen bauen, auch an die Lebensqualität denken und vor allem den Landschaftspark gleich mit realisieren.