Freiham gilt als Stadtteil der Zukunft. Beim Verkehr fühlt sich diese Zukunft oft noch erstaunlich fern an. Was als modernes, nachhaltiges Quartier geplant ist, steht seit Jahren vor derselben Frage: Wie kommen die Menschen hier eigentlich gut von A nach B, sprich wie gut ist der ÖPNV zu erreichen und fährt der auch ausreichend oft und halbwegs planbar? Können Autofahrer ihre Autos sinnbringend nutzen und ortsnah parken? Und auch aus Sicht der Radfahrer muss gefragt werden, ob die großen Rad-Trassen Freihams auch Anschluss an andere Bezirke haben werden.

CSU-Fraktion im Stadtrat: temporäre Parkhochgarage
Die CSU-Fraktion im Stadtrat hat am 15. Januar einen Antrag zu „Fairem Parken in Freiham“ eingebracht und fordert eine temporären Parkhochgarage. Die Begründung dazu führt zurück auf den Stellplatzschlüssel von 0,7 im Realisierungsabschnitt I und holt auch den ÖPNV dazu: die geplante Expressbuslinien zu den U-Bahnstationen Friedenheimer Straße und Moosach sind gestrichen worden; die S4 bekommt keine Taktverstärkung; der S-Bahnhof Aubing ist nicht barrierefrei; U-Bahn fehlt.
Nur die S5 und S8 fährt im Berufsverkehr im 10-Minuten-Takt. Aufgrund fehlender Tiefgaragen und wenigen Parkplätzen solle laut CSU-Antrag auf private Flächenbetreiber zugegangen werden, um schnell Parkplätze zu schaffen.
Bitte gemeinsam im BA! Statt Grünen-Antrag ein interfraktioneller Vorstoß
Eine Woche nach dem CSU-Antrag im Stadtrat folgte gestern im Bezirksausschuss ein Antrag der Grünen, der in wesentlichen Passagen dieselben Ziele und Maßnahmen beschreibt. Dass sich Anträge ähneln, ist nichts Ungewöhnliches, zumal bei Themen, die seit Jahren diskutiert werden. Die enge zeitliche Abfolge und die inhaltlichen Überschneidungen zwischen dem CSU-Antrag im Stadtrat und dem Vorstoß der Grünen im BA werfen dennoch Fragen nach Abstimmung auf.
Die anschließende Diskussion im BA zeigte die große Übereinstimmung zum Thema Verkehrskonzept. Roland Jung/FW meinte: „Es ist ein Schlamassel. Das Konzept ist komplett gescheitert“, und monierte sich über die überdimensionalen Radwege, „auf denen ohne Probleme der Bundeszapfenstreich stattfinden kann.“
Christian Stockmann/CSU meinte: „Geht es nicht um die Sache? Wir sollten alle Vorschläge bündeln, auch die U-Bahn und die Expressbusse fordern und vielleicht einen interfraktionellen Antrag formulieren.“ „Lassen Sie uns etwa Gemeinsames suchen“, so auch BA-Vorsitzender Sebastian Kriesel/CSU und betonte nach dem Zurückziehen des Antrags durch die Grünen: „Danke für Ihr Einsehen und für die kollegiale Einigung.“

Was meinen unsere Stadtratskandidaten zum Freihamer Verkehrskonzept?
Sebastian Kriesel, CSU
„Die Verkehrskonzeption in Freiham ist gescheitert. Die Planung entspricht nicht der Lebenswirklichkeit. Wir befinden uns am Stadtrand und dort wird für unterschiedliche Situationen ein privates oder dienstliches Auto benötigt. Da bereits jetzt schon der Parkdruck so enorm ist, dass uns von verzweifelten Neubürgern eine Parkplatzsuche von teilweise bis zu einer halben Stunde und einem ausweichen in umliegende Wohnquartiere berichtet wird, müssen wir darauf reagieren. Die Stadt muss nachbessern und das zügig! Es müssen in Freiham weitere Stellplätze geschaffen werden. Dies zeigen auch die beiden Petitionen „Faires Parken in Freiham" mit 300 Unterschriften und „Parkplätze für alle Bewohner" mit 1.100 Unterschriften.“
Roland Jung, Freie Wähler
„Eingangs sollte man sich vor Augen halten, wem die Anwohner in Freiham diesen Riesenschlamassel zu verdanken haben. Die Grünen haben in ihrem Programm für die Kommunalwahl 2020 mit dem schönen Titel „Zukunft braucht Mut" ganz klar gesagt, was auf die Münchnerinnen und Münchner zukommen wird“, so Jung und zitierte: „Um für Flächengerechtigkeit zu sorgen, sind Raum für Radwege, Fahrradstellplätze, Grünflächen, Bäume und Anlieferzonen bzw. Handwerker*innen-Parkplätze zu schaffen. Wir werden Parkplätze reduzieren.“
„Das ist alles komplett gescheitert. Denn wie sieht die Realität aus? Der versprochene ÖPNV-Ausbau hat nicht einmal ansatzweise stattgefunden, vielmehr ist mit dem Streichen der Expressbuslinien das Gegenteil der Fall, und wird angesichts der leeren Haushaltskassen auf lange Sicht auch nicht kommen. Die dringend benötigte U-Bahnverlängerung von Pasing nach Freiham kostet astronomische Summen. Aber ohne die U-Bahn fehlt dem Verkehrskonzept Freiham das Rückgrat und die wolkigen Versprechungen von einem autoreduzierten Quartier platzen wie eine Seifenblase.
Die Menschen in unserem flächenmäßig größten Stadtbezirk sind daher auf Gedeih und Verderben auf das Auto angewiesen. nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus der Notwendigkeit. Was bleibt ihnen denn auch anderes übrig? Und gleichzeitig fehlt der notwendige Parkraum an allen Ecken und Enden und wird durch einen absurd irrealen Stellplatzschlüssel brutalst verkleinert. Das ist nicht einmal ansatzweise etwas, was den Titel „Verkehrskonzept" verdient. Das ist vielmehr ein Schlag ins Gesicht und schafft nur Ärger und Politikverdrossenheit.
Ich werde mich im BA und im Stadtrat dafür einsetzen, dass die Anwohner eine vernünftige Verkehrsplanung bekommen und alle Maßnahmen ergriffen werden, diesem verkehrspolitischen Irrweg ein Ende zu setzen. Schluss mit Ideologie und leeren Versprechungen - stattdessen Probleme anpacken und an Lösungen arbeiten. Das erwarten die Menschen; und das auch zurecht.“
Johann Sauerer, ÖDP
„Eine temporäre Parkfläche kann die katastrophale Situation in Freiham für einige Zeit etwas befrieden. So eine Maßnahme löst aber nicht das wahre Problem des Verkehrs in Freiham. Es war von Anfang an klar, dass es ein Wahnsinn ist, einen Stadtteil von der Größe einer großen Kreisstadt, ohne leistungsfähigen öffentlichen Nahverkehr zu planen und zu realisieren. Alle Fraktionen im Münchner Stadtrat, die jetzt alle möglichen hilflosen “Wahlkampfanträge " stellen, sollten sich fragen, wieso sie dem jetzigen Konzept, das so nicht funktioniert, in der letzten Amtsperiode zugestimmt haben. Bei der damaligen Abstimmung im Münchner Stadtrat gab es nur wenige mahnende und kritische Worte. Deshalb muss gelten: Ein Weiterbauen in Freiham darf nur nach der Lösung der Verkehrsproblematik erfolgen.“
Jürgen Müller, ÖDP, parteifrei
„Ich kann für die Bürgervereinigung Aubing-Neuaubing e.V. antworten: Die Bürgervereinigung Aubing-Neuaubing e.V. findet es sehr gut, dass das Thema Verkehrskonzept/Mobilitätskonzept Freiham endlich Beachtung findet. Jedoch ist zu bemerken, dass unsererseits seit geraumer Zeit ein Moratorium für Freiham und eine Evaluierung der verkehrlichen Notwendigkeiten gefordert wird. Das Chaos war unseres Erachtens eines mit Ansage. Parkraum „auf Zeit”, zur temporären Entlastung lässt sich, wie von uns ebenfalls seit geraumer Zeit Politik und Verwaltung vorgeschlagen, durch Befestigung und niedrige Umzäunung von auf mittlere Sicht nicht zu bebauender Fläche schaffen. Nicht genehmigungsfähige Expressbusse und nicht realisierbare 10-Minuten Takte zu fordern ist wenig zielführend und eher Wahlkampflärm. Mobilität im 22. Stadtbezirk muss endlich, auf Basis der vor Ort-Expertise, neu gedacht werden.“
SPD-Stadtratskandidaten
Pascal Fuckerieder, BA-Vorsitzender Allach und Stadtratskandidat: „Die Frustration in Freiham ist berechtigt. Das Parkplatzproblem ist real, und die Menschen brauchen jetzt Lösungen. Das Grundkonzept mit Quartiersgaragen und weniger Autos ist grundsätzlich richtig, aber nur, wenn der ÖPNV auch wirklich funktioniert. Wir müssen Expressbusse in der Stadt ausbauen und den Parksuchverkehr mit digitalen Parkplatzbuchungen beenden. Beim Freistaat Bayern müssen wir uns für eine zuverlässigere S-Bahn einsetzen. Die Tatsache, dass viele heute mit dem Auto schneller sind, zeigt, dass wir beim ÖPNV-Nachholbedarf haben. Mehr Parkplätze sind jedoch keine nachhaltige Lösung. Ein temporäres Parkhaus kann eine Übergangslösung sein, aber nur, wenn dadurch die Mieten nicht weiter in die Höhe getrieben werden. Die Menschen in Freiham brauchen bezahlbares Wohnen und keine höheren Nebenkosten.“
Altin Islami, Kandidat für BA und Stadtrat erklärt: „Die ÖPNV-Lage in Freiham ist für die Einwohner problematisch und erfordert schnelle, pragmatische Lösungen. Diese sollten jedoch von Anfang an einen Umnutzungsplan beinhalten, in welcher Form auch immer.“
Matthias Bonigut, Bezirksrat und Stadtratskandidat: „Freiham macht sichtbar, was passiert, wenn Infrastrukturversprechen und tatsächliche Leistungsfähigkeit auseinanderfallen. Die S-Bahn ist ein zentrales Nadelöhr, für dessen Zuverlässigkeit der Freistaat Verantwortung trägt, dies trägt auch zur Abhängigkeit vom Auto bei. Entscheidend ist jetzt allerdings nicht die Suche nach Schuldigen, sondern eine gemeinsame Kraftanstrengung von Stadt, Freistaat und Umlandkommunen. Übergangslösungen dürfen kein Dauerzustand werden – Verkehr, Parkraum und Park-and-Ride müssen regional zusammengedacht werden, über den ÖPNV hinaus damit sich Probleme nicht einfach verlagern. Hierbei muss man anerkennen, dass Mobilität in Freiham, ÖPNV, Rad und eben auch Auto bedeutet, wofür Parkmöglichkeiten notwendig sind.“
Johannes Landendinger, Bündnis 90/ DIE GRÜNEN
„Aus meiner Sicht braucht Freiham jetzt: einen massiven Ausbau des ÖPNV mit neuen, schnellen Direktverbindungen, mehr Zeitersparnis im ÖPNV gegenüber dem Auto, eine starke Rolle der Genossenschaften als Träger von Car- und Bike-Sharing (auch im Einkaufszentrum Freiham zu etablieren!) sowie die Nutzung der großen Tiefgarage als bezahlbare Mobilitätsdrehscheibe. Genossenschaften zeigen, dass gemeinschaftliche Lösungen funktionieren. Wenn wir diese Stärke mit einem leistungsfähigen ÖPNV verbinden, kann Freiham ein Vorbild für moderne Mobilität werden.“