Im fünften Themenblock geht es um Kultur, Ehrenamt und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wir haben die Stadtratskandidaten gefragt, was eine Kommune im Innersten zusammenhält, was diesen Zusammenhalt gefährdet und wie man ihn stärken kann.
Freie Wähler: Dank an Ehrenamtliche
Roland Jung, BA-Mitglied und BA- und Stadtratskandidat
„Wir erleben seit Jahren eine starke Tendenz der Auflösung bekannter und (vermeintlich) gesicherter Strukturen und Positionen. Befördert wird dies durch eine gewisse Politikverdrossenheit, wirtschaftliche Unsicherheiten, äußere Konflikte und weiterer leider negativ wirkender Faktoren“. Dies führe seiner Meinung nach bei einigen zu einer Art “Wagenburg-Mentalität”, bei der sie sich in ihre „heilen vier Wände“ zurückziehen. „Andere Menschen zeigen ihren Protest dann leider oft genug an der Wahlurne mit einem Erstarken politischer Ränder“.
Die Basis für ein gegenseitiges Verstehen und ein stärkeres Miteinander seien Kultur, Vereine, Ehrenamt, Sport, usw. „Im gegenseitigen Austausch lernt man sehr schnell, dass uns alle viel mehr verbindet als uns trennt und in der Gemeinschaft nicht nur vieles leichter geht, sondern Probleme zusammen am besten überwunden werden können“.
Er freut sich über die vielen Vereine im Stadtbezirk. „An dieser Stelle sage ich allen ehrenamtlich Tätigen und Verantwortlichen ein großes Dankeschön“. Er weist aber auch auf die Herausforderungen, die der am schnellsten wachsende Stadtbezirk in München mit sich bringe. „Wir sind jetzt schon über 60.000 Einwohner und bewegen uns auf über 80.000 zu“. Deswegen spricht er von einer „Schicksalswahl für unseren Stadtbezirk“ am 8. März. „Die Herausforderungen werden in jeder Hinsicht, ob Verkehr, Wohnen, infrastrukturelle Versorgung oder anderes in den nächsten Jahren mehr und schwieriger und mit absoluter Sicherheit nicht weniger und schon gar nicht einfacher“. Da helfe es nicht, „wenn zu diesen Herausforderungen noch eine verschärfte Spaltung der Gesellschaft und Polarisierung der politischen Positionen und aufgerissene Gräben voll Misstrauen und Zwietracht hinzukommen“. Er verspricht: „Ich will als Stadtrat die großartige Arbeit der Vereine stärken und beitragen, diese auszubauen. Wir haben am 8. März die Wahl für einen stärkeren Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Lassen Sie uns alle diese Chance nutzen."
SPD: Vereine und Kultur leisten aktiven Demokratieschutz
Pascal Fuckerieder, BA-Vorsitzender in Allach und Stadtratskandidat
„Seit 2020 bin ich Bezirksausschussvorsitzender in Allach-Untermenzing und erlebe jeden Monat, wie Zusammenhalt in der Praxis aussieht: Menschen investieren ihre Freizeit, um über Schulwege, Spielplätze oder Verkehrsführungen zu diskutieren. Nicht aus Eigennutz, sondern weil ihnen ihr Viertel wichtig ist“. Im Münchner Westen werde dieses Zusammenleben gerade auf eine harte Probe gestellt. Als Beispiele nennt er die Baumaßnahmen In den Kirschgärten und Freiham. „Die Alteingesessenen fragen sich, ob ihr Viertel noch das bleibt, was sie kennen. Die Neuzugezogenen fragen sich, ob sie dazugehören werden“. Diese Spannung müsse gestaltet werden. „Wenn Tausende, dringend benötigte neue Wohnungen entstehen, aber die soziale Infrastruktur nicht mithält, entstehen Parallelwelten statt Nachbarschaften. Stadtteilbibliotheken, Nachbarschaftstreffs und Sportvereine müssen vorhanden sein, bevor die Umzugswagen rollen“, fordert er. Was das Ehrenamt betrifft, so laste auf den Ehrenamtlichen großer Druck: „Vereinsvorstände finden keine Nachfolger. Ehrenamtliche sollen immer mehr Bürokratie bewältigen. Wer nach zehn Stunden Arbeit noch den Sportverein am Laufen halten soll, benötigt Entlastung“. Er fordert, dass nichtkommerzielle Veranstaltungen weniger Auflagen haben. Außerdem könnten Schulen nach Unterrichtsende zu Freizeit- und Kulturräumen für den Stadtteil werden, statt leer zu stehen.
Matthias Bonigut, SPD-Vorsitzender Oberbayern und Stadtratskandidat
„Für mich sind es Kultur, Erinnerung und Engagement, die unsere Gemeinschaft im Innersten zusammenhalten. Kultur ist nicht nur Unterhaltung, sondern Bildung und damit aktiver Demokratieschutz“. Gerade in der Erinnerungskultur werde dies deutlich. So zeige das ehemalige Lager für Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Neuaubing, wohin Ausgrenzung und das Bewerten von Leben führen können. „Solche Orte sind Mahnung und Auftrag zugleich, und sie müssen weiter gestärkt werden.“ Eine zentrale Herausforderung sei dabei, dass Kultur und Demokratieförderung nicht nach wirtschaftlichen Maßstäben bewertet werden dürften. „Den Schaden spürt man erst, wenn Förderungen wegfallen. Dass mit dem Bergson privat in Kultur investiert wird, ist ein großes Glück. Aber kulturelle Infrastruktur ist öffentliche Verantwortung. Sie muss in allen Stadtteilen ermöglicht werden, nicht nur im Zentrum oder zentrumsnah“. Vereine als Ort ehrenamtlichen Engagements seien neben der Mehrparteienlandschaft ein tragender Demokratiefaktor. Sie bräuchten Räume und verlässliche Unterstützung, nicht nur finanziell, sondern auch bei der Bürokratie. „Mein persönliches Herzensanliegen ist eine starke Erinnerungskultur als klare Gegenbewegung zum Erstarken rechtsextremer Tendenzen und eine Kulturpolitik, die inklusiv ist und allen Teilhabe ermöglicht“.

ÖDP: Her mit dem Bürgeraal!
Jürgen Müller, BA- und Stadtratskandidat
„Im Münchner Westen leben über 50.000 Menschen. Das „wir“ ist daher vielfältig und nicht einfach zu fassen. Entscheidend ist ein starkes Miteinander im Alltag: Treffpunkte wie Kulturangebote, Vereine, lebendige Ortskerne schaffen Begegnung, Vertrauen und gemeinsame Verantwortung“. Kultur und Ehrenamt brauchen dafür dauerhafte Räume, Zeit und Förderung und zwar jenseits kurzfristiger Projekte. Ebenso essenziell sei: faire, gut moderierte Beteiligung ohne Barrieren. „Bürgerinnen und Bürger ob alteingesessen oder frisch zugezogen sollen nicht nur informiert werden, sondern aktiv mitentscheiden, etwa bei Stadtteilplanungen. Es braucht sichtbare Prozesse und offenen Dialog: Menschen sprechen miteinander, Konflikte werden respektvoll gelöst“. Das Gegenteil bewirke seiner Meinung nach eine Politik über die Köpfe hinweg. Hier kritisiert er „intransparente Entscheidungen, Fake-Beteiligung nach Vorabbeschluss oder Verzögerungen bei Schlüsselprojekten wie Bürgersaal, „Grete“, alte Schule und Dorfplatz. Dazu kommen bürokratische Hürden statt Lösungsorientierung in der Verwaltung, z. B. bei Verkehrsproblemen“. Sein Fazit: „Das schürt Frust und Misstrauen.“ Die Aufgabe des Bezirksausschusses (BA) sieht er als Mittler und Moderator. Als „Stadtteil-Parlament“ vertrete der BA Bürgerinteressen gegenüber Stadtrat und Verwaltung, müsse aber eigene Akzente setzen mit Informationsveranstaltungen. „Mit einer engen Verzahnung mit den Stadträten aus dem Bezirk wird die „Bezirksstimme“ echtes Gewicht bekommen“, hofft er.
Johann Sauerer, Vors. Der ARGE der Vereine in Aubing, BA- und Stadtratskandidat
„Die ehrenamtliche Struktur im Münchner Westen mit den zahlreichen Vereinen, Verbänden und Bürgerinitiativen zeugt von einem ausgeprägten bürgerschaftlichen Engagement. Als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Aubing-Neuaubinger Vereine darf ich zu meiner großen Freude feststellen, dass nicht nur die Bestandsvereine hervorragende Arbeit leisten. Es gibt auch zahlreiche Neugründungen von Vereinen und Bürgerinitiativen im Münchner Westen. Dies tut unserer Gesellschaft sehr gut.“ Leider hätten die politischen Mehrheiten im Münchner Stadtrat unseren Vorschlag zu einer besonderen Bewertung ehrenamtlicher Arbeit z.B. bei der Vergabe von Wohnungen abgelehnt. Dies wäre ein starkes Zeichen gewesen, betonte er.
„Mit den Kultureinrichtungen im 22. Stadtbezirk schaut es momentan leider sehr schlecht aus. Der Bürgersaal im Westkreuz steht immer noch leer. Die Versprechungen der Stadtverwaltung werden nicht eingehalten. Das Kulturzentrum in Freiham verzögert sich weiter, die Neugestaltung des Dorfplatzes stockt, die Zukunft des Saals im Schnitzl- und Hendlhaus steht, trotz vieler Stadtratsanträge noch offen.
Kritisch ist auch der Stadtratsbeschluss zu den Kultureinrichtungen zu sehen. Der Wechsel von ehrenamtlichen, hin zu professionellen Betreibern hat zumindest im Fall des Bürgersaals im Westkreuz bis dato überhaupt nicht funktioniert. Es ist eine Schande, dass der Saal seit über einem Jahr ungenutzt leer steht.“

CSU: Räume schaffen, Gelder freigeben, Lotsen durch den Bürokratiedschungel bieten
Winfried Kaum, CSU-Stadtrat und Stadtratskandidat
„Konkret geht es um den berühmten „Bürgersinn“, der gestärkt und wiederbelebt werden muss. Frei nach John F. Kennedy - Frage nicht was der Staat für Dich tun kann, sondern was Du für den Staat tun kannst“. Dem stimme ich zu“, so Kaum. Der Zusammenhalt sei spürbar, „wenn konkrete Regeln eingehalten und respektiert werden. Z.B. ich beachte das Durchfahrverbot am Pasinger Marienplatz. Ich werfe keinen Müll auf die Straße. Ich mache keinen unnötigen Lärm. Ich biete in der Nachbarschaft älteren Menschen konkret meine Unterstützung (z.B. beim Einkauf) an.“
Druck ergebe sich aus der Finanzmisere. „Daher muss zukünftig mehr auf Qualität bei der Förderung Wert gelegt werden. Das Ehrenamt muss mehr in die Öffentlichkeit gestellt werden. Auch Kommunalpolitiker sind ehrenamtlich tätig.“
CSU-Stadtrat und Stadtratskandidat Nikolaus Gradl
„Zunächst einmal braucht es dafür Räume. Aus dieser Sicht ist es ein Skandal, dass das Kulturzentrum in Freiham für über 8.000 Einwohner nun drei Jahre zu spät kommen wird. Es gibt aber auch kleine Einrichtungen wie Stadtteilarchive, Vereine zum Brauchtum etc. Diese brauchen Unterstützung vom Kulturreferat. Die Stadt hat eine Fachstelle für Demokratie eingerichtet, die Kampagnen machen, sich an der Wahl zu beteiligen und zum Beispiel auch recherchieren, wenn man sich bei einer Saalbuchung nicht sicher ist, wer dahintersteckt. Ohne Ehrenamt wäre die kulturelle Landschaft in München sehr mager. Wir brauchen aber auch Budgets für kulturelle Zentren, wie das UBO 9, damit diese entsprechenden Öffnungszeiten und Programm anbieten können.“
Ihm sei es ein Anliegen, dass es von dem neuen Stadtteil Freiham eine gute Vernetzung mit Aubing, Germering und Neuaubing gibt. „Ich würde mich freuen, wenn die alt angestammten Nachbarn gerne in das neue Quartier gehen und die neuen Bewohner sich in den traditionsreichen Vereinen engagieren.“
Schwierigste Herausforderung? „Dass bestimmte laufende Kosten der Stadt nahezu explodiert sind, und wenn nicht ein Wunder bei den Gewerbesteuern passiert, leider auch an der Kultur gespart wird. Bisher trifft das Einrichtungen in der Innenstadt, schwierig wird es, wenn mit dem Rasenmäher zum Beispiel die Stadtteil Kultur reduziert wird. Daher tritt die CSU für intelligente Veränderungen am Haushalt ein. Vielleicht haben wir auch an manchen Stellen etwas zu viel Personal bei der Stadt sitzen, lernt wir den freien Trägern sagen, dass die sparen sollen?“
Sebastian Kriesel, BA-Vorsitzender und Kandidat für den Stadtrat und den BA
„Um Kultur, Ehrenamt und demokratische Debatten zu stärken, ist es wichtig, Räume zu schaffen, in denen Bürgerinnen und Bürger aktiv teilnehmen können. Dies könnte durch die Förderung von lokalen Kulturprojekten, Bürgerforen und regelmäßigen Diskussionsveranstaltungen geschehen, die allen zugänglich sind. Zudem sollten wir die finanzielle Unterstützung für Vereine und ehrenamtliche Initiativen erhöhen, um deren wichtige Arbeit zu würdigen und zu fördern. Ein transparenter Dialog zwischen der Stadtverwaltung und den Bürgern ist ebenfalls entscheidend, um Vertrauen und Mitbestimmung zu stärken. Darum setze ich mich aktiv für die Ausstattung unserer Kulturräume ein, wie etwa dem Ubo9, dem GRETE, dem Saal des Bay. Schnitzel- und Hendlhauses und auch dem Bürgersaal am Westkreuz. Aber genauso wie die Musikförderung der BoomBox in Freiham für Jugendliche und Junge Erwachsene“, sagt er.
Wenn sich alle aktiv beteiligen, dann wächst auch der Zusammenhalt. „Ich veranstalte selbst das Aubinger Herbstfest, eines der letzten Stadtteilvolksfeste München, und merke, wie wichtig es ist, gemeinsam zu feiern.“ Allerdings: „Kultur, Ehrenamt und Vereine stehen oft unter Druck durch finanzielle Engpässe und bürokratische Hürden, die ihre Arbeit erschweren. Ich würde mich dafür einsetzen, die Fördermittel für kulturelle Projekte und Vereine zu erhöhen und bürokratische Prozesse zu vereinfachen, um ehrenamtliches Engagement zu fördern. Wir brauchen Lotsen durch den Paragraphendschungel. Zudem sollten wir ein Netzwerk schaffen, das den Austausch zwischen den verschiedenen Organisationen erleichtert und Synergien fördert.“

Grüne: Ehrenamt im Wandel – Stadt muss darauf eingehen
Gerald Zehetbauer, Vorstandsmitglied des Ortsverbands Bündnis 90/ Die Grünen
„Ein langfristiger, aber auch sehr nachhaltiger Schlüssel zu gutem Zusammenhalt ist Bildung und in diesem Kontext auch frühzeitige Partizipation für Kinder und Jugendliche an Entscheidungen. Der Zusammenhalt einer Gesellschaft wird aus meiner Sicht vor allem da gestärkt, wo sich Menschen unterschiedlichster Herkunft begegnen und miteinander ins Gespräch kommen. Politik kann dafür Orte beziehungsweise Räume schaffen oder entsprechende Initiativen unterstützen die dabei aktiv sind. Besonders wichtig sind hier beispielsweise Sportvereine, die neben vielem anderen über alle sozialen oder kulturellen Grenzen hinweg für Begegnung sorgen“, sagt er. Ehrenamt und Vereine seien im Wandel. Manche tun sich schwer, Nachwuchs zu finden. In anderen Bereichen gibt es dagegen neue Initiativen und Ideen. „Gerade die Bezirksausschüsse mit der Möglichkeit Bürgerinteressen gegenüber der Stadtverwaltung zu stärken und mit ihrem Budget können hier immer wieder Engagement und Ideen fördern. Auch die jetzt wieder stattfindende Freiwilligenmesse ist eine gute Plattform dafür.“ Spannungen entstünden immer wieder, wenn unterschiedliche Interessen nicht vereinbar sind. „Hier hilft miteinander Reden und immer wieder nach guten Kompromissen suchen.“